Memes zwischen subversivem Humor und der Reproduktion sozialer Ungleichheit

Simon Moebius (Lüneburg): Memes zwischen subversivem Humor und der Reproduktion sozialer Ungleichheit

“Darf er das?“ Mit diesem prägnanten Satz fasste Chris Tall vor Kurzem mit viraler Wirkung die Schwierigkeit zusammen, Witze über sensible Themen zu machen. Denn häufig schwingt der Verdacht mit, es könnte sich um Diskriminierung handeln. Gerade in Zeiten von Terrorangriffen, PEGIDA und Flüchtlingen keimt immer wieder die Frage auf, welcher Humor legitim ist und welcher nicht. Deshalb soll in meinem Vortrag aus soziologischer Perspektive der Frage nachgegangen werden, welche Rolle Humor bei der Reproduktion sozialer Ungleichheit spielt. Am Beispiel von Memes lässt sich dabei sehr gut zeigen, wie verschiedene Ungleichheitsdimensionen oder Klassifikationen aufgegriffen und kulturell verarbeitet werden. Drei Aspekte sind dabei für die Analyse zentral.

Erstens sind die strukturellen Merkmale der in Memes tangierten Ungleichheitsdimensionen – wie die Legitimität, die Art der Klassifikation und das Machtungleichgewicht – von Bedeutung. Diese werden aber nur in der konkreten Praxis wirkmächtig, d.h. es bedarf eines spezifischen Rahmens, in dem diese aufgegriffen werden. Als zweiter, intervenierender Faktor ist deshalb das Internet als primärer Ort der Memes zu nennen. Soziale Ungleichheit wird – wie seit Bourdieu bekannt ist – auch über den in den Körper eingeschriebenen Habitus reproduziert. Aufgrund der fehlenden Sichtbarkeit des Körpers bei der Interaktion im Netz fällt demnach ein bedeutender Bezugspunkt für Akteure weg.

Diese Leerstelle wird nun aber – so die These – in der spezifischen Form der Memes selbst als dritten Faktor nicht nur ausgeglichen, sondern überkompensiert. Denn häufig werden Bilder mit überdeutlichen Gestiken und Mimiken verwendet, wofür sich Schauspieler populärkultureller Filme und Serien genauso eignen wie beispielsweise Grumpy Cat. Diese repräsentieren oft eindeutige Klassifikationen bzw. Stereotype, welche als problematisch empfunden werden können. Gleichzeitig entfaltet diese Überspitzung – ebenso wie die häufig auftretende Inkongruenz zwischen dem ursprünglichen Kontext des verwendeten Bildes und dem hinzugefügten Text – aber auch eine humoristische Wirkung. So prallen vereinfachte und mitunter diskriminierende Stereotype mit witzigen Inhalten zusammen.

Anhand dieser drei (nur angedeuteten) Faktoren – strukturelle Ungleichheitsaspekte, das Internet als zentrale Rahmenbedingung und die Form der Memes als konstitutives Element – wird im Vortrag exemplarisch aufgezeigt, wie die Reproduktion sozialer Ungleichheit über die Praxis Humor abläuft. Deutlich wird dabei, dass Dimensionen und Klassifikationen sozialer Ungleichheit nicht bloß aufgegriffen und reproduziert werden, sondern durch Witz, Originalität und Kreativität neue Kontexte entstehen und damit auch die Bedeutung des Aufgegriffenen schrittweise verändert wird. So kann der Frage nachgegangen werden, ob das Lachen über Memes soziale Ungleichheit tatsächlich verschärft oder deren Wirkung doch eher subversiven Charakters ist.

Simon Moebius, Diplom-Soziologe, studierte von 2006 bis 2013 Soziologie und Politikwissenschaften an der TU Dresden und absolvierte seine Abschlussarbeit zum Thema „Transformationsprozesse sozialer Ungleichheit im virtuellen Raum“. Seit 2013 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie und Kulturorganisation an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Kultursoziologie, sozialer Ungleichheit, Humor, soziologischer Theorie und Mediensoziologie. Seine Dissertation hat den Arbeitstitel „Die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit über die Alltagspraxis Humor“.

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