Friendzone Level over 9000

Sascha Oswald (Hildesheim) ‚Friendzone Level over 9000‘: Memes als bildvermittelte Subjektivierungspraktiken

Der Begriff „meme“ wird zunehmend in Verbindung mit spezifischen Internet‐Phänomenen gebraucht, genauer gesagt mit nutzergenerierten Inhalten verschiedenster Art (Bilder, Videos, Texte). Dabei ist nicht immer klar, was die Spezifik von Memes ausmacht, die es erlaubt, sie zu einer Gattung gleichartiger Phänomene zusammenzufassen und durch die sie sich von anderen Phänomenen wie Virals oder Parodien unterscheiden. Anders als die meisten Analysen (vgl. Shifman, Breitenbach) schlage ich vor, die wesentlichen Merkmale von Memes nicht in ihren immanenten Eigenschaften (u. a. Simplizität und Humor) zu suchen, sondern in der Art und Weise der gemeinsamen Bearbeitung und Verbreitung durch User: Ein Meme wird erst zu einem Meme im Rahmen kollektiver, partizipatorischer Praktiken.

Innerhalb dieser Praktiken vollziehen sich die Konstitution von Bedeutungen sowie Prozesse der Subjektivierung auf ganz besondere Weise: in, mit und durch Memes verbreiten sich Werte, Normen,
Ansichten und Ideale wie auch Subjektivierungsformen, Identitätskonzepte und Selbstentwürfe. Memes sind daher nicht bloß als eine infantile Spielerei zu verstehen: in ihnen manifestieren sich genuine Weltdeutungsmuster und Selbsttechniken. Dieses Argument wird im Vortrag anhand der Fallanalyse eines empirischen Beispiels bekräftigt und veranschaulicht. Hierzu wird exemplarisch der überwiegend über Bildmemes transportierte „friendzone“‐Diskurs innerhalb der Online‐Community 9gag rekonstruiert werden, um dann zu fragen, wie in diesem Diskurs eine bestimmte Form des männlichen Subjekts konstituiert und zugleich Aussagen über Geschlechterbeziehungen produziert und etabliert werden.

Der Begriff „friendzone“ hat sich als Bezeichnung für eine Situation durchgesetzt, in der eine Frau einen romantisch oder sexuell interessierten Mann unwiderruflich in eine platonische Beziehung zu sich setzt. Der Signifikant „friendzone“ erfährt nun durch Memes sowohl eine neue ästhetische Aufbereitung und eine starke Erweiterung seines Wirkungsradius, als auch eine Verschiebung des Signifikats. So entsteht z. B. in der bildhaften Vermittlung des „friendzone“‐Diskurses eine neue Intelligibilität des darin eingelagerten geschlechtlichen Selbstverhältnisses. Durch die massenhafte
Verbreitung aber eben auch durch die visuell‐verstärkte Intersubjektivität des Diskurses werden nicht nur Einzelne, sondern ein ganzes Kollektiv als Subjekte – u. a. als sogenannte „friendzone army“ – adressiert.

Die visuellen Meme‐Genres (von rage guy comics über stock character memes bis hin zu crossmedialen Referenzen) sorgen, so die im Vortrag vertretene These, für veränderte Wahrnehmungsschemata und neue Techniken der Selbstthematisierung. Die Eigenart memetischer Praktiken (sowie von imageboards) soll insbesondere durch die Kontrastierung mit den Ausprägungen des „friendzone“‐Begriffs auf dem „urban dictionary“ verdeutlicht werden. Daran zeigt sich, dass gerade die Auseinandersetzung mit Memes in hohem Maße dafür anregt, was wirklich ‚neu‘ an den neuen Medien ist.

Der Vortrag bezieht sich auf Arbeiten im Rahmen des DFG‐Projekts „Digitale Verbreitungsmedien, Kommunikationsmacht und Generation“ am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim. Sascha Oswald studierte Soziologie und Sprachwissenschaften in Konstanz und ist seit Herbst 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter im FB Soziologie der Uni Hildesheim. Seine Forschungsschwerpunkte sind Medien‐ und Kommunikationssoziologie, Subjektivierungstheorien und Diskursforschung sowie Körper‐ und Leibsoziologie. Er promoviert zur Zeit zum Thema „Beziehungsaufbau, Selbstdarstellung und Emotionen im Online‐Dating“.

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