Der ‚Memplex’ des Terroristen Osama bin Laden

Sebastian Baden (Karlsruhe): Der ‚Memplex’ des Terroristen Osama bin Laden

Mein Beitrag geht von der Hypothese aus, dass Terrorismus als ein ‚Memplex’ erklärt werden kann, der sich aus verschiedenen Memes konstruiert. Aus der Perspektive der Memetics lässt sich mit Susan Blackmore und in der Nachfolge von Richard Dawkins dann von einem ‚Memplex’ sprechen, wenn eine Vernetzung von Informationen, Institutionen, Medien und Akteuren so effizient funktioniert, dass davon ein ganzes sozio-kulturelles Umfeld – die Gesellschaft – betroffen ist. Dies trifft im Fall von terroristischen Akten im Sinne mimetischer Gewalt und bei der Kommunikation durch bzw. über Terrorismus in besonderem Maße zu. Als Beispiel sei die Präsenz von Osama bin Laden in zahlreichen Memes untersucht, da die Person bin Laden mittels der Medialität des Internets seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 zu einem beständigen ‚Replikator’ und Hypericon des Terrorismus stilisiert werden konnte.

In Anverwandlung des ausgeschriebenen CFP zu diesem Workshop über Meme-Studies ließe sich sagen „One does not simply … kill bin Laden“, denn der Terrorist hat sich vor und nach seiner Tötung durch US-Soldaten 2011 als Konterfei in die politische Ikonographie eingeschrieben und ist zu einem wiederkehrenden Motiv im Internet, in der Presse, auf T-Shirts und in Videos geworden. Im Falle von Osama bin Laden, dessen Leichnam nur in Form digitaler Bilder überliefert wurde, bleiben sogenannte mediale Ikonen zur Verwertung, darunter die Aufnahme des „Situation Room“ oder digitale Fake-Montagen mit Ansichten des Toten. In Ermangelung eines Todesbeweises bleibt der Terrorist „in effigie“ lebendig. Die Viralität des Phänomens Terrorismus ist für die erste Dekade des 21. Jahrhunderts eng mit der Figur Osama bin Laden verbunden. Der Memplex geht dabei zurück auf wenige Pressebilder aus den 1990er Jahren, die damals von dem später als „Top-Terroristen“ gesuchten Mann gemacht worden waren. Man kann also behaupten, der Memplex des Terrorismus im 21. Jahrhundert lässt sich auf ein Image zurückführen, das Osama bin Laden, genauer: dessen analoges Porträtfoto als ein Original hat.

Von diesem ‚Replikator’ ausgehend haben sich diverse Meme-Variationen entwickelt, Bild- und Text-Komplexe, die mit Schlagworten und Schlagbildern operieren. Strukturalistisch betrachtet geht es hier immer um Oppositionalität, d.h. einer binären Logik der Freund/Feind-Terminologie folgend werden starke Metaphern und Vergleiche gesetzt, die ich exemplarisch analysieren werde. Hier eignet sich die als Memetics bezeichnete Methode, um die Verbreitung und Genealogie bestimmter Bild-Text-Kompositionen sichtbar zu machen, wie etwa schon die einschlägige Webseite knowyourmeme.com vorführt.

In meinem Beitrag untersuche ich mit kunstwissenschaftlichen Methoden die Konstruktion des Memplexes „Osama bin Laden“ und nutze dafür die auf die Kunsthistoriker Aby Warburg und Erwin Panofsky zurückgehenden Verfahren der Ikonologie, ergänzt um die bildwissenschaftlichen Ansätze von W.J.T. Mitchell. Es bietet sich an, vor dem Hintergrund des aktuellen und zumeist populärwissenschaftlich verhandelten Diskurses über Memes die Geschichte der Meme-Studies in den 1990er Jahren mit dem iconic-turn in der Bildwissenschaft kurzzuschließen und kritisch zu vergleichen. Nicht erst das Internet ist eine Basis für die Viralität von Memes, vielmehr sind als ‚Originale’ von Memes jene Zeichen zu kategorisieren, die mit Warburg als „Pathosformeln“ verstanden werden können und transkulturell sowie transhistorisch überliefert werden.

Baden, Sebastian (*1980) Studium der Kunsterziehung, Germanistik, Kunstgeschichte und Freie Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, KIT (Karlsruhe Institut für Technologie), Hochschule der Künste Bern (HKB), Universität Bern. Seit 2010 akademischer Mitarbeiter im Fachbereich Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe. Promotion über „Das Image des Terrorismus im Kunstsystem“ (2014). Aufgrund seiner Forschungsarbeit zur Dissertation ist Sebastian Baden Mitglied im Verein und im Vorstand des Netzwerk-Terrorismusforschung e.V., einer wissenschaftlichen Plattform für die interdisziplinäre Analyse von Terrorismus in Geschichte und Gegenwart. Er hat die künstlerische Leitung der Ausstellungsprojekte von Ferenbalm-Gurbrü Station in Karlsruhe, seit 2006 zusammen mit Lukas Baden. Sebastian Baden ist freier Mitarbeiter der Zeitschriften ARTMAPP, artline und Neue Kunstwissenschaftliche Forschungen. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der modernen Kunstausstellung im Zusammenhang mit dem Kunstmarkt (Art Market Studies), politische Ikonologie und Kunstkritik.